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Seite 35

Bustopher Jones

Bustopher

Herr Buddenbohm schrieb unlängst so treffend, dass Rätsel übrig blieben, wenn jemand stirbt. Bei einem Tier trifft das im besonderen Maße zu, vor allem im Falle eines Wildtiers.

Wann Bustopher das erste Mal auftauchte, vermögen wir nicht genau zu sagen. Sicher ist, dass er mit Katze 3 (die auch ein Straßenkatze war, bis wir sie mit ihrem zweiten Wurf aufnahmen) eine wie auch immer geartete Liebelei betrieb und unser Kater sein Sohn ist (das ist ohne Katerschaftstest feststellbar gewesen). Ansonsten war er stets um Diskretion bemüht, er verstand es wie kein Anderer möglichst unbemerkt zu kommen und zu gehen. Wenn ihm draußen doch fremde Menschen begegneten, erstarrte er zur Salzsäure und ließ das Volk an sich vorbeiziehen. Erst nach gebührender Zeit nahm er wieder lebensartige Züge an und schlich sich dann zu uns.

Auf unserer Terrasse hat er Erholung gefunden, teilweise kam er in erbärmlichen Zuständen an. Besonders arg war es im späten Winter, als er dem Tod näher als dem Leben mit einer Sepsis rang und die Liebste ihm wie auch immer das Leben rettete. Sie war es auch, die sich um ihn kümmerte. Er hatte eine Hütte, gelegentlich auch ein Catnipkissen. Und oftmals eine warme Milch, die er zeitweilig gegen eine kühle Variante bei entsprechenden Temperaturen eintauschte. Obwohl er uns genau kannte und wusste, dass wir die Letzten sind, von denen er irgendetwas zu befürchten hätte, hat er uns bei der Anreichung von Futter und Milch angefaucht. Meistens war das aber auch nicht eindeutig, ob es eher Abschreckung oder sein Zeichen der Anerkennung war - was hätte er auch sonst mit uns in anderem Tonfall kommunizieren können.

Dass er Bustopher Jones heißen soll, war schnell Konsens. Der Name rührt aus dem Musical Cats, in dem der Namensträger ein hochangesehenes Tier mit einer Vorliebe für Herumtreiberei bei all möglichen Stellen für gutes Essen ist. Die Figur ist eher nobel angelegt, das war die Sache unseres Bustophers nicht. Aber das Umherziehende, in seinem Leben eine gewisse Würde behaltend und dabei ein freundlicher Charakter, das waren seine Wesenszüge. Er hatte Geduld, ließ uns auch mal nah an sich heran und hatte eine gewisse Komik. Wir haben oft über ihn gelacht, wenn er auf der Terrasse lag und dabei so entspannt schlief wie er es an anderen Lokalitäten wohl nicht konnte.

Nach der überstandenen Sepsis war Bustopher wieder umtriebig, die letzten Tage war er sehr oft bei uns und freute sich anscheinend über den Frühling und das immer besser werdende Wetter. Wir hatten uns mit ihm gefreut und auf viele weitere Besuche im Sommer gehofft. Nun ist er seit knapp einer Woche nicht mehr gekommen, das war bisher nie so. Und unsere Ahnung sagt uns, dass er nun an einem Ort verweilt, der für uns nicht erreichbar ist. Seine Spuren verfliegen, die Hütte steht leer. Was bleibt, sind viele Rätsel. Aber auch der tröstende Gedanke, dass er jemand war. Für uns jedenfalls.

Alles Gute Busti, wo auch immer du dich jetzt niedergelassen hast. Du wirst uns fehlen.

In the whole of St. James’s the smartest of names is
The name of this Brummell of Cats
And we’re all of us proud to be nodded or bowed to
By Bustopher Jones in white spats

Achtunddreißig.

In wenigen Stunden ist es soweit, mein Geburtstag jährt sich auf ein Neues. Ab morgen kann ich in aller Sachlichkeit von mir behaupten, dass ich jetzt Ende Dreißig sei. Und irgendwie fühlt es sich nicht so zäsurartig an wie Anfang dreißig. Im Gegenteil, mit jedem Jahr mehr stellt sich eine immer tiefer werdende Gelassenheit ein. Weil bestimmte Werte doch nicht selbige sind und Zeitgenoss:innen, denen man vor Jahresfristen noch andichtete, dass sie ihr Leben ja so toll im Griff hätten und ihnen alles gelänge, vielleicht auch nur das Gesellschaftsspiel mitbetreiben. Der zufällige Blick hinter die Kulissen offenbart, dass sie an genau den gleichen Fragen knabbern, mit ihnen hadern und auch nur von Zeitfenster zu Zeitfenster schauen. Weil ihnen niemand die Cheatcodes für perfekte Existenz mitgeteilt hat. Und wenn doch, dann nur auf Kosten anderer Personen.

Als mein Vater vor fünfeinhalb Jahren starb, war das ein gewisser Zäsurpunkt. Gar nicht in einem Sinne, dass ich mich selbst zum endgültigen Erwachsenwerden aufgefordert habe. Sondern dass es einfach passierte. Speziell die zwölf Monate danach waren von Veränderungen geprägt, die sich besonders beruflich niederschlugen. Dort habe ich ein neues Level erreicht, welches anfangs nur sehr mühevoll und mittlerweile deutlich einfacher erreicht wurde. Mittlerweile habe ich gelernt, dass alle nur schauspielern und es dem persönlichen Moralkompass nicht schadet, wenn man auch etwas Selbstmarketing betreibt. Dennoch habe ich nie übertrieben und werde nie übertreiben, das ist nicht mein Typ. Und damit lebe ich sehr gut.

Da die Liebste mir etwas voraus ist, weiß ich seit Kurzem, dass auch Anfang Vierzig kein Zustand ist, in dem man morgens aufwacht und alles in Frage stellt. Das wäre auch nicht meine Natur. Wir werden einfach achtsamer für Details, sie ist mir da aber meilenweit voraus. Das ist unfassbar erdend, gibt Halt. In einer immer lauten und gefühlt täglich neu fragilen Welt ist das wesentlich, vor allem wenn ständig neue Opportunitäten propagiert werden und man als junger Mensch vermutlich nahe dem geistigen Ausnahmezustand sein muss. Es ist gerade zu wohltuend, jetzt nicht zwanzig Jahre jünger zu sein und sich diesem Irrsinn während der parallel stattfindenden Persönlichkeitsbildung unterwerfen zu müssen.

Morgen wird ein Tag sein wie heute und übermorgen, wie gestern und die Woche zuvor. Aber ich werde wieder einen Schritt näher an der Erkenntnis sein, dass die Gelassenheit größer wird. Darauf freue ich mich.

Nicht so gut ernährt

Bitte hört auch das Album (mit dem wunderschönen Namen “Die Kernseife der Medaille”) und alles Andere von DAS PACK. Es ist alles sehr gut, ich schwöre.

Gesäßbuch

Mittlerweile ist Facebook ja eher eine Ruine, in der nur zwischen “Junggebliebenen” und verwaisten Accounts unterschieden werden kann. Mein Account gehört zur zweiten Kategorie, er existiert nur noch für berufliche Zwecke (falls sich Kunden von uns wünschen, dass ich sie operativ dort unterstütze) - alle privaten Inhalte habe ich gesichert und dort gelöscht.

Gelegentlich schaue ich aber doch mal rein, so ungefähr alle paar Monate, wenn der Zähler an neuen Ereignissen mal wieder massiv hochgegangen ist. Meistens haben die immer gleichen zwei Accounts etwas gepostet, es gab ein Event, dass mir auf anderer Ebene mitgeteilt worden war oder mir werden völlig unbekannte Personen als potentielle Freund:innen vorgeschlagen. Meistens ist der erste Post, den ich zu Gesicht bekomme, ein politisch aufgeladenes Thema. Rundfunkbeiträge, Steuern, irgendwelche “Zwangsabgaben” - you name it. Die Diskussionen sind intensiv, von äußerster Emotionalität geprägt und gehen über Tage. Oftmals sind die sachlichen Argumente in der Minderheit, immer öfter werden sie erst gar nicht geäußert. Die perfekte Echokammer, in der krude Ansichten hervorragend gedeihen.

Mir stellt sich dann immer die Frage, wie man sich regelmäßig den Tag mit solchen Themen versauen kann. Und was die Menschen mit der Energie anfangen könnten, wenn sie nicht ihren Frust ins Internet schreiben, nur im Elfenbeinturm verharren. Aber auf dem eigenen Hintern sitzen bleiben und im Internet pöbeln ist wohl bequemer. Das einzig Schlimme für die Connoisseure der Opferdialektik muss sein, dass ihre Reichweite tagtäglich sinkt. “Draußen” ist es nämlich viel schöner als bei Gesäßbuch.

Durchgesteuert

Unlängst tauchte bei mir ein freundliches, aber bestimmtes Schreiben des hiesigen Finanzamts auf. Darin wurde ich gebeten, für die Jahre 2019-2021 doch binnen einer gewissen Frist Steuererklärungen zu tätigen. Mich stresst sowas, weil ich von der Materie wenig verstehe und immer das Gefühl habe, dass ich aufgrund der Unwissenheit dann (vermeidbare) Fehler begehe.

Vorgestern packte mich dann der Erledigungswunsch und ich habe die notwendigen Belege sortiert und mit Steuerbot alles durchgearbeitet. Weil ich schon dabei war, habe ich 2022 auch erledigt. Wenn die Berechnungen von Steuerbot stimmen (davon gehe ich aus, denn das ist ja deren Geschäftsmodell), habe ich für 2021 zwar etwas nachzuzahlen, aber in Summe ergibt sich ein Plus für mich. Insofern hat sich der Aufwand vermutlich gelohnt. Und das ist ja ein netter Zufall.

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